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Allgemein Me Made Mittwoch

Eine Hommage an Lena Hoschek – das Winterkleid

Eine der Designerinnen, die ich schon früh bewundert habe, ist Lena Hoschek. Gerade die Silhouetten ihrer frühen Kollektionen mag ich sehr. Mittlerweile sind mir ihre Muster gelegentlich etwas zu wild, aber das liegt an meinem Unwillen zu Mustern. Um diese Bewunderung zu zeigen und mir auch so ein schönes Stück zu gönnen, wollte ich mir gerne ein Lena Hoschek Kleid zu meinem 33. Geburtstag nähen. Was macht ihre Kleider besonders? Für mich sind es die klassischen Vintageschnitte mit feinen Details und hochwertige Materialien. Genau das wollte ich in einer Winterkleidvariante umsetzen.

Der Schnitt

Für den Rock des Kleides habe ich einen Tellerrock mit 230°Grad Umfang und seitlichen Eingriffstaschen verwendet. Der Rock geht mir bis zu den Waden/über die Knie und hat eine Fertiglänge von 76cm. Einzig das Zuschneiden dieser Teile finde ich immer recht mühsam. Bei der Größe der Schnittteile bleibt mir nur der Boden als Zuschneidefläche übrig. Irgendwann, irgendwann habe ich einen großen Zuschneidetisch, auf dem ich das auch ohne Rückenschaden machen kann…

Für das Oberteil habe ich wieder meinen Standardoberteil Schnitt benutzt. Der Schnitt #121 stammt aus der Burda 1/2019, ist schon mehrfach verwendet und ihr könnt die Entstehungsgeschichte hier lesen. Dieser bereits angepasste Schnitt diente als Basis für die nun folgenden Änderungen.

Im Vorderteil habe ich den Schnitt vom Halsausschnitt her und durch den seitlichen Abnäher jeweils bis zum Brustpunkt aufgeschnitten. So konnte ich den seitlichen Brustabnäher zurotieren und oben am Ausschnitt ist ein neuer Abnäher entstanden.

Bei den Ärmeln habe ich die meisten Änderungen gemacht. Man kann es auf dem Bild erkennen, er ist an allen Ecken und Enden geklebt, rotiert, verlängert, verbreitert…

  • Ich habe die Armkugel bei 7cm unterhalb des höchsten Punkts waagrecht abgetrennt und den gesamten Ärmel mittig vertikal aufgeschnitten. Damit konnte ich der Armkugel 3cm mehr Breite verpassen. Bei meinem ersten Kleid aus diesem Schnitt sitzt nämlich der Ärmel immer noch etwas zu streng.
  • Der Ärmel ist auf 65cm verlängert.
  • Um etwas Volumen zu generieren, ist der Schnitt auf 30cm Umfang am Handgelenk verbreitert.
  • Auf Höhe des Ellenbogens um 2cm verschmälert.

Im Bild habe ich versucht zu zeigen, was hinzu gekommen ist (grün), bzw. was durch das Rotieren weggefallen ist (rot). Die roten Bereiche sind durch die anderen Änderungen teilweise wieder „aufgefüllt“ worden. Sicherlich hätte es für das angestrebte Schnittteil viel bessere Vorgehensweisen gegeben, ich bin aber nur in der Lage Schritt für Schritt zu ändern, damit ergeben sich manchmal ein klein wenig unlogische Stellen (zum Beispiel der erst verlängerte Saum, der dann wieder einen Knick bekommt durch eine andere Änderung).

Der Stoff

Der Stoff ist eine Schurwoll-Kaschmir-Mischung in grau mit beigem und weißen Karo. Auf den Fotos sieht man auch den schönen Glanz, den er im Sonnenlicht hat. Da er realtiv schwer ist und ich 3m gekauft habe, habe ich mich dafür entschieden keine Waschexperimente zu starten. Die Menge wäre eh zu groß gewesen, um in meine kleine Waschmaschine zu passen. Also habe ich den Stoff vor der Verarbeitung kräftig mit Dampf gebügelt und das fertige Kleid wird nur gereinigt. Das ist allerdings selten notwendig, zum einen ist er gut zu Lüften ist und außerdem nutze ich in allen höherwertigen Kleidungsstücken Armblätter. Diese schützen bei mir Jacken, Kleider, Blazer etc. Mehr zu diesem praktischen und nachhaltigen (aber leider aus der Mode geratenen) Accessoire findet ihr bei Anne.
Ich habe die Rocklänge während der Planung nochmal ein wenig gekürzt, damit blieb mir ein Rest von knapp einem halben Meter, also lag der Stoffverbrauch bei gut 2,5m. Für den Oberkörper waren es 1m und für den Rock ca. 1,5m.

Das Nähen

Das Oberteil ist komplett gefüttert, auch die Taschen sind aus Futterstoff, damit sie nicht auftragen. Ich binde meine Taschen immer an der Taillennaht mit an, dann kann man sie gut mit Smartphone, Geld, Lippenstift etc. beladen, ohne dass sie zu sehr am Rock ziehen oder herumschlackern. (Bild: meine bevorzugte Variante vs. häufig in Schnittmustern verwendete Taschenbeutelform)

Um die Weite des Ärmel zum Handgelenk wieder einzuhalten habe ich unten eine unsichtbare Manschette eingebracht. Die 30cm Umfang des Ärmels habe ich mit einer jeweils 5cm tiefen Kellerfalte auf einen fertigen Umfang von 20cm reduziert. Damit der Ärmel einen schönen Fall bzw. einen guten Sitz am Handgelenk hat, ist er innen mit einer steifen, mit Vlieseline verstärkten Manschette ausgestattet. Diese ist innen wiederrum mit dem Futter verstürzt. (Im Bild schwarz: Manschette, grau: Außenstoff, grün: Futter)

Das Nähen des Ausschnitts war am zeitaufwändigsten. Ich hatte ursprünglich geplant den Stoff zu raffen, aber das sah auch in mehreren Versuchen nicht gut aus. Es hat einige Versuche gebraucht, bis mir klar wurde, dass bei der Stoffdicke zwei große Falten die beste Lösung sind. Heute bin ich sehr froh darum, da ich die klare Doppelfalte am schönsten finde. Sie liegt bei normaler Schulterhaltung flach am Dekolleté an, öffnet sich aber bei zurückgezogenen Schultern. Das war so nicht geplant, stört mich aber keineswegs.

Die Taillenweite habe ich bei diesem Kleid bewusst etwas großzügiger gelassen (Mehrweite von 4-5 cm), der Gürtel bringt sie dann wieder in Form, trotzdem passt das Kleid aber auch bei hormonellen Schwankungen. Die restlichen Nähschritte waren ziemlicher Standard: 70cm langer nahtverdeckter Reißverschluss, eingeschlagener Rocksaum, Halsausschnitt mit Beleg versäubert.

Ich freue mich heute sehr, euch dieses besondere Kleid zeigen zu können, es wurde vor zwei Jahren fertig und ich habe keinen Tag an dem Kleid gezweifelt. Immer wenn ich es trage macht es mich glücklich, also von vorne bis hinten ein gutes Projekt, wahrscheinlich mein Bestes. Da ich abends gerne ausgehe, gibt es auch genug Tragegelegenheiten dafür. Es ist erstaunlich wandelbar, ich trage es mit Pumps und meinem schicksten Schmuck elegant, aber auch mit schwarzen Strümpfen, Loafern und Barett leger.

Nun wünsche ich allen MMM Lesern schon mal einen schönen November. Mein Monat wird sehr nähgeladen, ich darf die Bernina Blogger Days in Steckborn besuchen und zwei Wochen darauf besuche ich ein Nähwochenende in Lindau am Bodensee. Der Ingenieur in mir freut sich schon sehr auf die Firmenbesichtigung bei Bernina!

28 thoughts on “Eine Hommage an Lena Hoschek – das Winterkleid

  1. Wunderschön, dieses Kleid, ich bin sehr begeistert. Vor vielen Jahren, mehr als 2, wurden ja die Lena Hoschek Kleider sehr gehypt, es gab sogar mal diesen Burda Schnitt mit dem unfassbar tiefen Ausschnitt. Man sieht wieder, dass mit Konstruktion und edlem Stoff tolle zeitlose Modelle gefertigt werden können. Ich würde wahnsinnig gerne noch ein Foto mit Loafern, Barett und schwarzen Strümpfen sehen, eher der Stil, den ich mag. Aber gerade daran sieht man die Vielseitigkeit des Kleides. Dein Programm für den Herbst klingt aber nicht minder interessant als meins. Bitte auch um Bericht. LG Anja

    1. Oh, willst du mir damit sagen, dass ich mal wieder zu spät dran bin? Den Trend verschlafen? 😉 Ich mag den Burdaschnitt von ihr gar nicht, ist nicht mein Stil…
      Danke für die netten Worte. Ich werde über die beiden Veranstaltungen berichten.
      Grüße, Tina

  2. Ein tolles Kleid, welches ich sofort mit der genannten Designerin verbunden habe – ich liebäugle seit Jahren mit einem Bänderrock, aber es fehlt der letzte Impuls beim Bänderkauf. Die klare Falte gefällt mir sehr gut; Raffungen sind auch süß, aber wirken manchmal doch etwas ungeordnet und das hätte zu dem schlichten Kleid nicht so gut gepasst. Rockschwung, Karomuster und Gürtelchen.. hach, ich bin ganz verliebt! Die Ärmel finde ich auch mega und werde mir das merken.

    Ein großartiges Winterkleid, dass Dir sicher viel Freude bereitet!

    Liebe Grüße, Anne

    1. Schön, dass mein Werk erkennbar ist. Bei den Bänderröcken stelle ich es mir schwer vor, alle Farben und Breiten richtig abzustimmen. Da würde ich wohl ewig rumsortieren. Der Gürtel ist tatsächlich von meiner Oma, den ich „restauriert“ habe (Falten und Knicke rausgeföhnt, Nähte erneuert etc.) und ich trage ihn so gern zu solchen Outfits.
      Grüße, Tina

  3. Wunderschön, ein echter Kleidertraum! Der Stoff hat einen tollen Fall und die schönen Faltendetails am Hals und am Handgelenk kommen prima zur Geltung. Da hast du Dir ein edeles Stück geschaffen, ganz viel Freude beim Tragen wünsche ich Dir! LG Kuestensocke

  4. Erst einmal vielen Dank für die ausführliche Beschreibung und Erklärung. Das Kleid ist ein absoluter Traum und ich kann Deine Liebe absolut verstehen. Bei den Fotos fühle ich mich um viele Jahrzehnte zurück versetzt. Die Falte am Halsausschnitt schaut toll und elegant aus.
    Viel Spaß beim Tragen und Ausführen.

    VG
    Sandra

    1. Ich hatte echt Spaß bei der Doku des Nähprozesses. Wenn dir die Beschreibung gefallen hat, macht das das ganze noch besser.
      Grüße, Tina

  5. Dein Kleid ist toll, es stimmt einfach alles. Genau so eines hätte ich auch gerne für mich, werde es aber garantiert nicht so stilvoll und elegant präsentieren können wie du. Wobei ich wie Anja auch gerne die andere Variante sehen würde, auch eher mein Stil. Ab und zu schaue ich ja, wenn ich in der Innenstadt bin, am Schaufenster von Lena Hoschek vorbei. Vor einigen Jahren hatte sie auch Karokleider. Dein Stoff mit dem dezenten und erst auf den zweiten Blick erkennbaren Karo finde ich aber um vieles interessanter, gerade weil nicht gleich erkennbar. Und deine Ausschnittfalte finde ich besonders gelungen. Genauso wie die Kellerfalten bei den Ärmeln. Das Detail muss ich mir unbedingt merken.
    Viel Freude weiterhin mit dem schönen Kleid und liebe Grüße, heike

    1. Da lauf ich ja fast ein bisschen rot an. Immer wenn du das Kleid magst und dich wohl fühlst darin, dann ist die Präsentation genau richtig! Und ich würde gerne sehen, wie du das Kleid stylen würdest, das wäre genial. Vielleicht sollten wir mal das Gleiche, aus dem gleichen Stoff nähen und schauen wie wir es tragen.
      Ich bin ja sehr neidisch, dass du wann immer du möchstest an das Hoschek Schaufenster fahren kannst. Da würde ich sicher ganz zufällig den ein oder anderen Spaziergang vorbei gehen lassen.
      Grüße, Tina

  6. Wow, was für ein edles Winterkleid. Stoff und Schnitt harmonieren fantastisch. Vielen Dank für die ausführliche Nähbeschreibung. Feine Details mit der Falte am Ausschnitt und den Ärmeln. Danke auch für de Verlinkung zu Anne. Ihr Post ist ach sehr interessant. Herzlichen dank und liebe Grüße, Birgit

    1. Wenn ich auf anderen Blogs Dinge lese, die mir gefallen/für mich interessant sind, teile ich das besonders gerne mit anderen und Annes Beiträge sind so hochwertig, da geht das immer 🙂 Dein Feedback zu meiner Beschreibung macht mich happy, schön wenn es gerne gelesen wird.
      Grüße, Tina

  7. Ich bin sehr hingerissen von diesem außergewöhnlichen Kleid! So viel Eleganz sieht man nur noch selten! Besonders gefällt mir das Detail am Ärmel, das sich auch auf viele andere Schnittmuster übertragen lässt. Danke für Deinen feinen Blogbeitrag und liebe Grüße, Julia

  8. Dein Kleid ist ja so so so schön! Die Falten am Ausschnitt machen es zu etwas sehr besonderem. Danke für die genaue Beschreibung, wie Du es genäht hast. Und Deine Ärmel-Änderung merke ich mir, ich habe auch immer zu wenig Platz für die Arme und zu wenig Bewegungsfreiheit.
    Liebe Grüße, Stefanie

    1. An den Armen kann man einfach so viel ändern! Aber vorsicht, das Ziel meiner Änderungen ist immer eine Mehrweite in der Schulterkugel und gleichzeitig aber eine Verschmälerung des restlichen Ärmels. Also nicht alles merken 😉
      Grüße, Tina

    1. Es freut mich, wenn die Leserinnen meine Werke mögen, aber noch mehr freut es mich, wenn ihr auch meine Berichte mögt! Danke schön 🙂
      Grüße, Tina

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