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Allgemein Me Made Mittwoch

Hawaiikleid – Burda 1/2019 #121

Dieses Kleid hat die längste Geschichte all meiner Kleidungsstücke. Ich war 14 oder 15 Jahre alt und hatte die (Schnaps-)Idee ein Kleid komplett ohne jegliche Näherfahrung zu nähen. Meine Mama kaufte mir einen Schnitt, es war ein Burdaschnitt. Sie kaufte mir auch eine weiße Webware mit dunkelblauem Blütendruck. Der Stil des Kleides war ziemlich typisch späte 90er Jahre: dünne Spaghettiträger, extra kurz und am ganzen Oberkörper eng anliegend. Es gab nur zwei Schnitteile für den Körper, die Front und den Rücken, beide mit langen Abnähern auf Figur gebracht. Und genauso weit hat mein Nähanleitungsverständnis gereicht: Abnäher nähen und den Körper zusammenfügen. Beim Reißverschluss und der Ausschnittblende hatte ich aber die Motivation schon verloren. Mamas Hilfe annehmen? Ne lass mal, ich doch nicht… Lieber den Traum aufgeben, mich in diesem Kleid, meinen Docs und dem obligatorischen Eastpak zeigen zu können. Aus der Perspektive der erwachsenen Tina, wirklich idiotisch. Aber Teenage-Entscheidungen sind wohl oft nur zur Zeit der Entscheidung nachvollziehbar.

Damit verschwand das angefangene Kleid und ein kleiner Rest des Stoffs in einer Kiste. Hier blieb es bis 2019, da hat mich irgendwie der Ehrgeiz gepackt, doch noch etwas daraus zu machen. Also habe ich erstmal alles aufgetrennt, mit der Overlock versäubert und vorgewaschen, davon hatte ich beim ersten Anlauf auch noch nichts gewusst.
Bild generiert mit sewist.com

Der Schnitt

Die Hoffnung ein ganzes Kleid daraus zu machen, verschwand schnell, als mir klar wurde, dass mir zu einer Rocklänge, in der ich mich heute wohl fühle, ungefähr 60 cm fehlen… Also habe ich Anfang 2020 einen neuen Plan gefasst und meine Burdas durchgeblättert. In der Ausgabe 1/2019 #121 gefiel mir ein schlichtes Etuikleid, von diesem habe ich den Schnitt des Oberteils in Größe 38 verwendet. Den selben Schnitt habe ich auch für die Bluse mit den Chiffonärmel verwendet.

Dank des ersten Covid Lockdowns hatte ich genau einen Termin bei einem Nähkurs, den ich mir gebucht hatte. Auch wenn die fünf folgenden Termine ausgefallen sind, hatte ich das Glück, die Änderungen am Nesselteil mit der Schneiderin abstimmen zu können. Das war sehr hilfreich für mich. Das Nesselteil, das ich vorbereitet hatte, hatte bereits die Schultern um jeweils 3cm verbreitert. Bei der Anprobe zeigte sich, dass ich Mehrweite am Armausschnitt knapp über der Achsel hatte. Außerdem saß es im Bereich zwischen den Schulter und am Halsausschnitt immer noch etwas komisch. Ich hatte horizontale Spannungsfalten über den Schlüsselbeinen. Daraufhin nahm die Schneiderin eine Schere und machte einfach in den Halsausschnitt Richtung Brustpunkt einen ca. 4cm langen Schnitt. Das wirkte wahre Wunder, auf einmal war alles stimmig und ich total überrascht. Niemals wäre ich auf diese Idee gekommen! Um das in den Schnitt zu übertragen, ließ sie mich den Schnitt durch den Brustpunkt zerteilen und dort aufrotieren. Die Mehrweite am Armausschnitt faltete sie einfach weg. So hatte ich einen angepassten Schnitt, mit dem ich alleine weiter arbeiten konnte.

Verarbeitung

Da der Stoff nicht zu hundert Prozent undurchsichtig ist, wollte ich am Halsausschnitt nicht mit einer Blende arbeiten, die durchscheinen könnte. Die Versäuberung mit einem Schrägband schien mir die optisch gefälligere Variante. Das Oberteil ist ganz schlicht, zwei Brustabnäher, vier Taillenabnäher, hochgeschlosserer Ausschnitt und kurze (aber nicht zu kurze) Ärmel. Im Rücken habe ich einen 70cm langen, nahtverdeckten Reißverschluss verarbeitet.

Der Rock ist ein gut drapierender Tencel Twill von Stoff & Stil in einem schönen Rostrot. Es ist nur eine Stoffbahn von 1,55m Breite. Das würde ich heute nicht mehr so machen, denn durch die Wadenlänge und mangels Schlitz im Rock, ist die Schrittweite begrenzt. Es fällt nur auf, wenn ich schnell zur Bahn eile oder wenn man zwei Treppenstufen auf einmal nehmen will. So muss ich den Rock halt manchmal Hochziehen zum Laufen. Zwei Stoffbreiten wäre mir zu viel Rockweite gewesen und 1,5 Bahnen hätten wieder zu einem Rest geführt, aber es wäre wohl für das Kleid die optimalere Variante gewesen. Die Taille habe ich mit dem Ruffler in kleine Falten gelegt.


Fazit zu diesem Kleid: Da die Taille 4cm Bewegungsweite hat, ist es etwas bequemer als andere meiner Kleider auf Taille geschneiderten Kleider. Das führt allerdings leider dazu, dass man sieht, dass die Taillennaht nicht ganz horizontal verläuft, sondern leicht wellig. Ich habe mich mit dem Gedanken gespielt, den Rock nochmal abzutrennen, hätte damit aber bei diesem empfindlichen Stoff eine Beschädigung riskiert. Dafür gleitet er herrlich um die Beine und macht mir Freude. Zu meiner eigenen Überraschung kann ich gut über die Knitteranfälligkeit hinwegsehen. Was das Oberteil nicht gut ermöglicht, ist das Hochstrecken der Arme, das stört mich allerdings ebenfalls nicht besonders. Ist ja kein Sportkleid…

Also alles in Allem ein Kleid, dass ich sehr gerne trage und ein beliebter Baustein meiner Sommergarderobe ist. Es freut mich, dass ich damit meinen ersten Nähversuch noch zu einem guten Abschluss bringen konnte. Für meine Verhältnisse ist auch der Druck recht freaky, also ein gutes Sommerteil. Ich bin mir sicher, heute sind auch viele der MMM Damen in Sommerstimmung!

23 thoughts on “Hawaiikleid – Burda 1/2019 #121

  1. Das ist total cool kombiniert. Ich finde den Stoff im Oberteil ja sehr genial. Und wie super, dass der „uralte“ Stoff noch Verwendung fand. Erstaunlich, dass es damals Stoff und Stil schon gab, als du so jung warst, mir sind die irgendwie erst so vor 3 oder 4 Jahren begegnet, aber da haben sie halte den Laden in Darmstadt aufgemacht. LG Anja

    1. Obwohl ich heute Muster ja oft meide, spricht mich dieser Sommerstoff auch immer noch an. Schön, wenn er dir gefällt.
      Nein, ich glaube das habe ich missverständlich geschrieben: der rostrote Stoff ist von 2020, den habe ich nachgekauft, als mir klar wurde, dass auch dem anderen Rest kein Kleid mehr rausgeht. Der Hawaiistoff aus einem kleinen Stoffladen in meiner Heimatstadt.
      Grüße, Tina

  2. tolle Geschichte. wie hast du es geschafft mit dem Ruffler auf die gewünschte Weite zu kommen?
    Liebe Grüße Elke

  3. Ich habe gerechnet, welche prozentuale Raffung ich erreichen muss, dass mein Taillenumfang vom Oberteil und die Stoffbreite des Rocks zusammenpassen. Anschließend habe ich mit Stoffresten in 50cm Länge Versuche gemacht, bis ich die Einstellung hatte, die das prozentuale Verhältnis knapp unterschritt. Das ist eine Mischung aus der Stichlänge und beim wievieltem Stich eine Falte gelegt wird (bei jedem Stich, bei jedem 6. oder 12. Stich). So konnte ich einfach rufflen und den kleinen Rest (knapp 4cm) als Nahtzugabe verwenden.
    Grüße, Tina

  4. Ich habe auch bis zuletzt überlegt welcher der beiden Stoffe denn nun der vom Jugendnähprojekt ist. Die Kombination aus dem gemusterten Oberteil und dem einfarbigen Rockteil jedenfalls ist gut gelungen, auch die Farben sind stimmig. Ich bewundere ja regelmäßig wie penibel du die Schnittkonstruktion angehst. Und das Ergebnis gibt dir recht 🙂
    LG heike

  5. Danke für den Hinweis, ich habe gerade oben nochmal ergänzt, dass der alte Stoff der weiß blaue ist. Ich könnte auch nur konstruieren und ändern und den Zuschnitt und das Nähen dann abgeben wäre auch ok für mich 😉 Danke für die Blumen.
    Grüße, Tina

  6. Eine ausgesprochen spannende Geschichte. Der gemusterte Stoff ist wirklich sehr schon. So etwas habe ich kürzlich gesucht, aber nicht gefunden. Die Kombination mit dem rosafarbenen Stoff ist gut gelungen.
    LG Bella

  7. Hehe, an diese Trägerkleidchen Ende der 90er/frühe 2000er kann ich mich noch gut erinnern. Die kommen bestimmt bald wieder – Cargohosen sind ja auch gerade zurück.
    Ich zeige heute beim MeMadeMittwoch lustigerweise ein T-Shirt in der gleichen Farbkombi, nur umgekehrt: dunkelorange oben, ein Jerseyrest und unten habe ich ein weiß-dunkelblaues Nachthemd zweitverwertet. Deine Kombi und überhaupt das ganze Kleid gefällt mir da natürlich sehr gut. Liebe Grüße!

    1. Wie nett, dass wir uns für die gleiche Farbkombi heute entschieden haben. Ich nutze kein Instagram, aber vom Vorschau Bild her gefällt mir dein Shirt gut. Die Farbkombi 🙂
      Grüße, Tina

    1. Darüber habe ich ehrlich gesagt nicht mal nachgedacht. Allerdings weiß ich auch nicht, warum ich es aufgehoben habe, es weiterzuverarbeiten hatte ich nicht im Sinn. Aber gut, dass ich es gemacht habe 🙂
      Grüße, Tina

  8. Das ist eine schöne Geschichte, wie schön, dass Du eine Rettungsaktion gestartet hast. Und sie ist Dir gut gelungen. Danke für die ausführliche Beschreibung.
    Viele Grüße, Stefanie

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