Allgemein Me Made Mittwoch

Gable Top vs. Liv Shirt

Heute habe ich für den Me Made Mittwoch zwar kein besonderes Nähprojekt, aber dafür eine längere Entstehungsgeschichte.
Außerdem habe ich länger überlegt, wie ich es zukünftig mit den Passformbildern etc. halten will und mich entschieden, euch auch die ungestylten Bilder zu zeigen. Anja von Nordendnaht hat mir mit ihrem „Quo vadis“ Post die letzten Bedenken genommen. Es geht bei diesem Blog für mich um das Nähen und da gehören meine manchmal-mehr-manchmal-weniger hässlichen Nesselteile einfach dazu. Selbstverständlich werde ich bei dem fertigen Nähgut versuchen euch schöne Bilder zu zeigen.

Genug der Vorrede, nun der eigentliche Beitrag:

Nachdem ich einen tollen gestreiften French Terry entdeckt hatte, wollte ich mir daraus gerne ein klassisches Breton Oberteil nähen. Der Ausschnitt sollte recht hoch geschlossen und etwas breiter sein, allerdings nicht so breit, dass man die BH Träger sieht. Außerdem wollte ich schöne lange Ärmel, da ich mit Dreiviertelärmel nur ab 24 Grad nicht mehr friere. Außerdem wollte ich alles so minimalistisch wie möglich, also z.B. kein sichtbares Bündchen am Halsausschnitt.

Gable Top

So habe ich gleich mit einem Probemodell des Gable Tops von Jennifer Lauren Handmade begonnen. Dieses Longsleeve Shirt hat eine slash neckline (kennt jemand die korrekte Übersetzung?) und die Designerin selbst zeigt einige gestreifte Modelle.

Für das erste Nesselteil habe ich nur die Schultern um jeweils 1,5cm verbreitert, wie ich es immer mache und die Ärmel um 4cm verlängert, der Oberkörper ist standardmäßig schon recht lang. Ich hatte aber folgende Probleme beim ersten Nesselteil

  • Die Schulter spannte immer noch etwas in der Breite
  • starker Faltenwurf entlang des Oberarms direkt zum Schulterkopf/obersten Punkt des Arms auf Vorder- und Rückseite
  • deutlich zu viel Stoff im Vorderteil im Bereich der Ärmelnaht (oberhalb der Brust)
  • der Halsausschnitt war zu hoch und drückte tatsächlich leicht auf die Kehle

Mit den Falten an den Ärmeln war ich in der ein oder anderen Sackgasse, ich stand einfach etwas auf dem Schlauch wo diese sternförmigen Falten wirklich herkommen, hatte ich noch nie. Echte Verbesserung hat der Vorschlag der Designerin gebracht, dass ich doch mal nur den obersten Bereich des Ärmels abtrennen soll. Auch wenn es wirklich doof aussieht, hat mir genau dieser Schritt viel gebracht. Zum einen habe ich die notwendige Änderung besser verstanden, zum anderen konnte ich auch genau messen, wie viel fehlte. So konnte ich die Armkugel um dieses Maß erhöhen.

nicht wundern, warum die Ärmel nicht symmetrisch weit aufstehen, die Ärmel sind unterschiedlich weil ich verschiedene Methoden/Ärmeländerungen getestet hatte

Auf dem Bild der Front sieht man, dass ich final die Schulter sogar um 2,5cm verbreitert habe, aber nicht erhöht. Am Ärmel hatte ich folgende Änderungen, zum einen habe ich ihn verschmälert um 2cm Oberarmweite, zum anderen habe ich die Armkugel um 3cm erhöht und außerdem sieht man schon mal angezeichnet, wie ich später noch Mehrweite im Bereich der Naht rausgenommen habe.

Den Halsausschnitt habe ich bei einer der folgenden Varianten um 5cm tiefer gezogen. Das funktioniert schon, aber zufrieden war ich damit nicht. Ich mag die Verarbeitung mit ‚einfach einmal umklappen und festnähen‘ nicht, gerade bei meinen 5cm Umschlag (2cm Standard + meine 3cm) hatte ich das Gefühl, ich verspanne den Stoff.

geänderter Halsausschnitt

Insgesamt habe ich mehrere Abende nur geändert, angepasst, getrennt, neu genäht und trotzdem hatte ich zum Schluss nur eine mittelmäßige Passform. Außerdem musste ich feststellen, dass mir die Art wie der Ausschnitt auf der Schulter ausläuft, an mir generell nicht gefällt.

Liv Shirt

Nachdem ich mit dem ersten Schnitt also wider Erwarten nicht zufrieden war, habe ich nochmal in meinen Schnittmusterordnern gesucht. Dabei bin ich mal wieder auf einen alten Pattydoo Schnitt gestoßen, das Liv Shirt. Da ich keinen neuen Schnitt kaufen wollte, habe ich mich zähneknirschend an die Änderungen dieses Schnittes gemacht.

Ich habe das Schnittmuster für den Rundhalsausschnitt in Größe 38 verwendet, den Ausschnitt angehoben/geschlossen und ein bisschen verbreitert, um ein klassisches Bretonshirt zu erhalten. Versäubert habe ich den Ausschnitt mit einem Streifen, der anschließend unsichtbar nach innen geklappt und mit der Zwillingsnadel umlaufend festgesteppt wird. Zusätzlich habe ich wieder meine Schulterverbreiterung (+2cm pro Seite) eingebracht und Oberkörper sowie Ärmel verlängert. Damit sich die Streifen treffen, habe ich ausnahmsweise auch die Overlock Nähte gesteckt.

Ich bin auch hier nicht ganz zufrieden wie es sitzt, im Bereich der Taille und Rücken ist es nicht so figurnah, wie ich es mir gewünscht habe, damit es im Hosenbund nicht unnötig aufträgt. Allerdings wollte ich später noch Mehrweite rausnehmen, habe dann aber festgestellt, dass sich die Streifen verschieben würden. Da mir das Pattern matching aber wichtiger war, blieb das Shirt unverändert.
Trotzdem ist es ein Lieblingsstück geworden: bequem ohne sportlich zu sein und vor allem sehr kombinationsfreudig.

19 thoughts on “Gable Top vs. Liv Shirt

  1. Schade, dass das Gable Top nicht anpassbar war. Vielleicht könntest du den besonderen Ausschnitt an an anderes, gut passendes Shirt übertragen? Bei den Designbeispielen sieht das schon sehr hübsch aus.
    Aber das Ringelshirt ist fein, ein wunderbarer Klassiker. Woher hast du den Stoff? Nach genau so einer Ringelvariante suche ich schon eine Weile.
    Liebe Grüße
    Christiane

    1. Ach, ich fand, dass der Gable Ausschnitt eh nicht so gut an mir war. Mein Nacken kam da komisch raus 😉
      Der Stoff ist von 1000stoff und auch nach einigem Waschen noch sehr angenehm.
      Herzliche Grüße, Tina

  2. Hallo Tina,
    danke, dass Du uns auf deinem Weg zu dem Oberteil mitgenommen hast. Ich finde solche Posts immer sehr interessant zu lesen und lerne jedesmal was. Dieses Mal waren u.A. es die Anpassungen an der oberen Armkugel.
    Schade, dass der erste Schnitt nichts für Dich war.

    Bin sehr begeistert von deinem fertigen Oberteil. Sieht super aus. Tolles Classic-Teil.

    Lieber Gruß,
    Muriel

    1. Ich freue mich wie ein Schnitzel, wenn du es interessant findest. Hab mich eher gefragt, ob überhaupt jemand bis zum Ende liest.
      Grüße, Tina

  3. Das Breton-Shirt gefällt mir total gut! Und deine Schnittanpassungen sind sehr interessant zu lesen, vor allem, wie du die Armkugeln verändert hast. Das Problem mit den Falten am Oberarm habe ich bei manchen Schnitten nämlich auch …
    Liebe Grüße von Doro

  4. Ja, das Shirt hat mir wirklich geholfen, das ganze Thema Armkugel besser zu verstehen. Aber ich hab auch echt viele Anläufe gebraucht, bis zu dem Ergebnis.
    Grüße!

  5. Ich bewundere diese Akribie, mit der du an deine Projekte herangehst. Echt klasse.
    Der Ausschnitt des ersten Shirts überzeugt mich auch nicht. Mir wäre er auch zu hoch und eng am Hals.
    Dein zweites Shirt hingegen sitzt zu 100%. Total klasse und die Perfektheit der Streifen – toll!

    LG Miriam

    1. Ja, obwohl ich eigentlich gerne Rollkragen usw. trage habe ich mich von diesem Kragen irgendwie eingeschränkt gefühlt.
      Danke für das Kompliment.
      Grüße

  6. Ich finde es großartig, wie du uns Schritt für Schritt durch deine Änderungen mitnimmst. GENAU DAS ist der Mehrwert von Nähblogs. GENAU DAS interessiert mich und so viele andere, die wir uns nicht mit schnellebigen Insta-Posts abspeisen lassen wollen. SO TOLL, dass du zu bloggen begonnen hast!
    Die Streifen beim Bretonshirt treffen sich wunderbar. Und die Anpassungen haben sich gelohnt: Jetzt kannst du jederzeit auf diesen Schnitt zurückgreifen. Liebe Grüße, Gabi

    1. Huch, da fühl ich mich sehr geschmeichelt! Es freut mich sehr, wenn ihr meine detaillierten Inhalte schätzt und nicht langweilig findet 🙂 danke dir

  7. Auch von mir vielen Dank für die Details zur Ärmelanpassung. Wie schon von anderen gesagt, das ist der Mehrwert eines Blogs, solche Bilder und einen ausführlichen Text posten zu können.
    Das Liz-Shirt liegt auch noch unvernäht auf meiner Festplatte. Deine Version gefällt mir prima, vielleicht versuche ich mich doch nochmal an Longsleeves. Viele Grüße, Kathrin

    1. Danke dir, sehr nett von dir und trau dich ruhig mir dem Liz Shirt. Außer der Änderung, die ich nur für meine komischen Schultern brauche, habe ich ja wirklich nur den Ausschnitt geändert. Also relativ wenig Aufwand, für ein Shirt, dass doch irgendwie ganz anders aussieht.
      Grüße

  8. Vielen Dank für Deine ausführliche Schnittbesprechung! DAs ist ja immer interessant mit der Höhe der Armkugel, du hast sehr überzeugend gezeigt, daß das in diesem Fall die Ursache der Falten im Oberarm war. Aber du hattest natürlich auch die Form des Ärmelausschnittes durch deine Schulterverbreiterung entscheidend geändert, das hängt ja alles doch zusammen. Mir gefällt das Gabletop nicht so besonders, ich mag diesen umgelegten Ausschnitt auch nicht. Das gestreifte Top ist aber ein Traum, so perfekt, deine Streifenanpassung! Ich finde es nicht zu weit in der Taille, falls dich die Mehrweite wirklich stört, müsstest du die nächste Version mit einer Naht in der rückwärtigen Mitte nähen, oder Abnäher…das bringt dann nochmal viel Freude bei der Streifenanpassung!
    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Ja, da hast du recht, meine Schulterverbreiterung ändert den Armausschnitt erheblich, leider habe ich da keine Wahl. Wäre wirklich interessant, wie es mir bei einem anderen Körperbau gehen würde. Vielleicht finde ich mal eine Freiwillige, für die ich den Schnitt nochmal nähen kann 🙂
      Grüße

  9. Hallo,
    toller Post. Ich mag es viel lieber so Zwischenschritte und Anpassungen zu sehen als immer nur hübsche fertige Teile. Man kann so prima mit lernen und fühlt sich nicht so allein mit seinen eigenen Passformkämpfen.

    Viele Grüße
    Anna

    1. Das stimmt, ich freue mich auch immer, wenn ich über die Änderungen von Anderen lesen kann. Schließlich lernt man mit jedem Passformproblem dazu, auch wenn sie andere haben. Und keine Sorge, ich kämpfe bei jedem Teil an der ein oder anderen Stelle. Grüße

  10. Wirklich schön Dein bretonisches Shirt. Ich mag’s es momentan gar nicht so auf den Körper gezimmert, weshalb mich die Rückweite an Deiner Stelle auch nicht stören würde. Sag mal, ist Liz vielleicht Liv oder hat so noch ein ähnliches Shirt heraus gebracht…?
    Schade, dass Du mit dem Gable bei allem Engagement am Ende doch nicht zufrieden bist. Für mich war es allerdings sehr lehrreich. Danke & liebe Grüße Manuela

    1. An sich also insbesondes optisch stört mich die Mehrweite auch nicht, nur wenn ich es in die Hose stecken will, sammelt sich halt mehr Stoff im Bund.
      Und ja, ich habe tatsächlich den ganzen Post lang den falschen Namen verwendet! Ups, wie konnte ich das nicht merken… Wird gleich überall geändert. Gut, dass du so aufmerksam warst.
      Herzliche Grüße

  11. Danke für die anschauliche Beschreibung Deiner Schnittanpassungen, sie sind sehr aufschlussreich.
    Auch wenn Du nicht 100% mit dem Ergebnis zufrieden bist, mir gefällt Dein Shirt.

    Viele Grüße
    Sandra

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