Zauberhaft? Die Magic Pants
Muriel hat vor einiger Zeit von einem variablen Hosen Schnittmuster berichtet und mein Interesse geweckt. Nach ihrer ausführlichen Vorstellung des Schnitts waren meine Umsetzungspläne gefestigt.
Das Schnittmuster Magic Pants verspricht die Bequemlichkeit und Variabilität einer Jogginghose mit der Optik einer geschneiderten Marlenehose. Das Label Ann Tilley Handmade wird von einer professionellen Näherin geführt, die aus der industriellen Fertigung kommt. Sie hat bisher erst 5 Schnitte veröffentlicht, ist aber eine der meist gewünschten Schnittmusterdesignerinnen auf Threadloop.





Die Bilder hat eine Freundin von mir auf einem Nähwochenende gemacht (darum auch das Namensschild), nachdem die Regen-Haltestellen-Hosen-Selfies nur so mittel geworden sind. Danke Barbara!
Der erste Eindruck des Schnitts und der Anleitung war professionell und hochwertig. Mir ist die große Größenrange aufgefallen, der Schnitt umfasst eine Hüftweite von 86 bis 168 cm. Die Besonderheit des Schnitts ist die „Bundlösung“. Die Hose wird von einer Kombination aus Frontklappe und einem unsichtbaren Gummiband oben gehalten. Damit das funktioniert, hat die Hose relativ viel Mehrweite an der Taille und der Gürtel reiht das quasi ein. Zur Vorbereitung habe ich auf Youtube die beiden Videos von Ann Tilley zu diesem Schnittmuster angeschaut. Ich war insbesondere interessiert daran, ob der Schnitt für eine große Taillen-Hüft-Differenz funktioniert. Sie erwähnt zwar einmal, dass wenige Frauen mit Birnenform ihr berichtet haben, dass sie einen Reißverschluss eingenäht haben, ihre Aussage ist aber, dass die Hose bei jedem funktioniert. Bei mir hat das aber nicht ganz so funktioniert. Es trifft mal wieder die Regel zu: schau dir die Körperform der Designerin an, dann weißt du, was auf dich zukommt. Ann Tilley beschreibt sich selbst, als jemand mit wenig ausgeprägter Taille.
Laut Maßtabelle falle ich mit der Hüftweite in den oberen Bereich der Größe XS. Die Taille wird gar nicht angegeben, weil sie ja einstellbar ist. Die Fertigmaßtabelle gibt für XS eine Hüftweite von 112cm und eine Taillenweite von 64-79 cm an. Ich bin also mit meinen 97cm Hüfte und 65cm Taille genau drin. Beim Nähen des Nesselteils war ich allerdings doch etwas gespannt. Die Anprobe war dann kurz ernüchternd, ich konnte die Hose nur bis über die Knie ziehen. Da bei den Taschenbeuteln nur die untere Hälfte geschlossen wird, um den Einstieg zu ermöglichen, werden die hinteren Beutel mit einem elastischen Panel in Position gehalten. Dieses Panel ist bei meiner gewählten Größe 9cm breit. Ein Versuch bei mir hat ergeben, dass sie das Panel auf knapp 28cm dehnen müsste, damit ich die Hose gut anziehen kann. Ich habe es beim Nesselteil kurzerhand aufgeschnitten und auch die Taschenbeutel etwas weiter aufgetrennt. Ohne dieses Hindernis war der Sitz gut, überraschend positiv sogar. Nach einem Videotelefonat mit Muriel, die mich wunderbar unterstützt hat (vielen Dank!) war mir klar, wie ich weitermachen würde. Ich habe die Seitennähte erweitert, um zu vermeiden, dass ich die Taschenbeutel auftrennen muss. Im gesamten Hüftumfang habe ich damit 4,8cm hinzugefügt. Und das Panel habe ich durch einen Knopflochgummi ersetzt. Auch diese Idee ist von einem Projekt von Muriel inspiriert. Sie hat einen ebenfalls verstellbaren Rock konstruiert, das Konzept will ich diesen Sommer auch noch auf einen Rock von mir übertragen.
Aus meiner Sicht hat das Schnittmuster einen Konstruktionsfehler, an der Klappe vorne werden D-Ringe angenäht, durch die dann das Band/der Gürtel umgelenkt wird. Die runde Form zieht natürlich komisch an dem 4,5cm breiten Band. Muriels Einsatz von Schiebern löst auch dieses Problem.
Neben der Länge (plus 16,5cm) habe ich auch die Breite der vorderen Klappe um +3cm pro Seite geändert. Gerade bei sehr schlanken Taillen/kleinen Größen wirkten für mich die Proportionen in einigen Beispielbildern nicht stimmig. In dem Bild meines Nesselteils seht ihr die Originalbreite. Zusätzlich bringt eine verbreiterte Klappe auch mehr Variabilität, da mehr Abdeckung. An der fertigen Hose habe ich noch an der hintere Schrittkurve Material rausgenommen. Das ist eine Änderung die Ann Tilley auch in der Anleitung erwähnt. Die Stoffmenge ist wohl bewusst großzügig in diesem Bereich, um möglichst vielen zu passen.





Zusammenfassend habe ich folgendes geändert. Die ersten drei Änderungen könnten allgemein interessant sein, die weiteren Änderungen sind spezifisch für meinen Körperbau.
- Frontklappe um insgesamt 6cm verbreitert
- anstatt D-Ringen Schieber verwendet und das Band verlängert um 7cm
- Elastikpanel durch einen Knopflochgummi ersetzt
- Seitennähte der XS um insgesamt 4,8cm rausgelassen
- Länge plus 16,5cm
- aus der hinteren Schrittnaht um bis zu 3,7cm herausgenommen
- Oberkante der hinteren Taschenbeutel zur Mitte hin verkürzt, damit sie nicht oben rausschauen
- hintere Mitte um 3cm niedriger gemacht und die Position der Durchbrüche für das Gurtband so weit wie möglich hochgesetzt
Der Stoff der Hose ist eine absolute Liebe von mir. Es ist ein Twill, den ich von Jeanette geschenkt bekommen habe (Danke, danke, danke!). Ich weiß nichts über die Materialzusammensetzung, aber er trägt sich wunderbar. Er ist fest genug, dass man sich wie in einer Jeans gut bedeckt fühlt. Er ist fließend genug, dass das Bein wunderbar fällt. Und er ist unkompliziert da er nicht knittert. Ein Traumstoff. Materialverbrauch waren bei mir 1,65m bei einem Stoffbreite von mindestens 1,52m. Liegt der Stoff schmaler sind es 1,8m. Allerdings hätte man Stoff sparen können, indem man bei den Taschenbeutel mit Resten arbeitet und nicht wie ich alles aus dem guten Stoff zuschneidet.
Was würde ich für eine weitere Version ändern? Die Tascheneingriffe verstärkt Ann Tilley bewusst nicht, um sie bequemer zu machen. Mir gefällt es aber nicht, dass sie beulen. Würde ich diesen Schnitt wieder nähen? Ja, absolut! Ich nutze die Verstellbarkeit beim Tragen ständig, ich sitze und mache die Hose etwas weiter. Ich habe gegessen, dito. Mein Zyklus bewirkt mehr Umfang, ich mache sie etwas weiter. An anderen Tagen, ziehe ich die Bänder einfach enger und trage die Hose höher auf der Taille.
Ist es eine Zauberhose wie der Name verspricht? So weit würde ich nicht gehen. Ein guter Hosenschnitt? Ja durchaus. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, die Verschlusslösung einfach auf gut (besser) sitzende Schnitte zu übertragen.
Ich habe wirklich große Freude an dem Werk, da es ja quasi ein Gemeinschaftsprojekt von Muriel, Jeanette und mir war. Und das finde ich grandios!
Apropos grandios, heute ist MeMadeMittwoch 🙂
Liebe Tina, da ist dir ein grosser Wurf gelungen und die Hose hat eine super Passform. Zum Glück muss ich nicht so viel Anpassen, ich weiss nicht ob ich diese Geduld aufbringen würde. Ganz toll das du den Stoff verwenden konntest, ich glaube er ist von Bleyle, eine längst geschlossene Modemarke aus Stuttgart. Lieber Gruß Jeanette